René Heinersdorff mit den Altmeistern des Boulevard Jürgen Wölffer und Horst Johanning, der letzte Woche verstarb.
Der liebste aller Kollegen. Es gibt natürlich auch andere liebgewonnene, nicht alle aber manche, in diesem kleinen Segment unserer Branche, mit dem von Horst und mir geliebten, aber vielerorts verpönten Wort „Boulevard“. Aber mit ihm war es besonders. Vielleicht durch die rheinische Sozialisation: besonders herzlich, besonders liebevoll und vor allem: besonders lustig. Die Mittagessen mit Klaus Wirbitzky und Pit Fischer, bei denen man nach ein paar Stunden nicht mehr wusste, ob es Abendessen sind, blieben Fluch und Segen für Gastwirte mit Schließzeiten.
Schon als Kind hörte ich durch meine Mutter von Katinka und Horst, Katinka, der großartigen Schauspielerin, die ohne das Pflichtgefühl für den Contra-Kreis längst Weltkarriere gemacht hätte und Horst, dem Newcomer der Sparte. Und auch die Geburtskarte mit der Leuchtschrift Jessica lag einmal auf unserem Küchentisch.
In Berlin und München, Hamburg und Wien wurden seine Inszenierungen aus der kleinen Arena in Bonn in den Bühnenbildern des ebenfalls engsten Freundes Pit Fischer auf die langweiligeren Guckkästen hochpoliert. Wir fuhren oft nach Bonn, um Abende etwa mit Charles Regnier, Gunter Philipp, Corinna Genest oder Christiane Rücker, Thomas Wenske und Hans-Jürgen Bäumler zu sehen. Das Theater am Dom hatte es aufgrund seiner Arenaform mit der Adaption leichter, zumal der Johanning ja um die Ecke wohnte.
In Bad Godesberg im Internat fuhren wir oft per Anhalter nach Bonn, indem wir an der Ampel der B9 einfach an die Fenster klopften, oder die Beifahrertür öffneten. Und eines Tages öffnete ich den Wagen von Horst.
Als ich mit dem Beruf anfing, war Horst, neben Jürgen Wölffer, einer der Ersten, der Stücke von mir holte, Produktionen mit mir tauschte – wir haben uns darüber nie Rechnungen oder Verträge ausgestellt – und mich auch außerhalb meiner Produktionsmaschinerie als Regisseur holte. Bei unzähligen Abenden in Berlin, in München, aber auch in Frankfurt, Münster oder Lübeck und in den rheinischen Metropolen sowieso, lernte ich durch ihn die einschlägigen Weinkommissare kennen und den Sinn für guten Wein, nicht immer ganz den Sinn für die Menge.
Er besuchte mich in Italien, beriet mich oft auch in persönlichen Dingen, manchmal ging es sogar um Frauen, und war ein Jahrzehnt lang Vorsitzender der Privattheatergruppe im Bühnenverein, bis er – nach einer kurzen Zwischenamtszeit – mich zwang, den Posten zu übernehmen. Die nötigen Stimmen dazu hatte er im Vorfeld organisiert. Und wenn es die Wahl gab, zwischen einem spannenden Symposium bei der Jahreshauptversammlung oder einem guten Restaurant in der Nähe der Jahreshauptversammlung, war es für ihn keine Wahl.
Im letzten Sommer haben wir alle 75 Jahre CONTRA-KREIS mit ihm gefeiert. Auf die Frage nach einer Nachfolgeregelung reagierte er stets erstarrt, als wolle er durch dieses so schöne Theater die Unsterblichkeit provozieren.
Ich hätte sie ihm gegönnt. Er wird mir sehr fehlen.
René Heinersdorff
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